1.
An manchen Abenden bin ich überhaupt nicht müde. Irgendetwas will noch unternommen werden.
So stell ich mir eine Tür vor, hinter der versteckt die Sonne scheint.
Oder eine weitere Tür, hinter der jeder Tag 5832 Stunden dauert.
Haben sich die Augen erst an die Dunkelheit gewöhnt, können sie Dinge sehen, die vorher unsichtbar waren. „Hallo, ihr Sterne. Warum scheint ihr denn nur so leuchtend?“ frage ich.
„Wenn ihr so hell flackert, kann ich schon gar nicht einschlafen!“
Während ich dem Flüstern der Sterne lausche, leuchten sie immer stärker.
War es nicht so in den alten Geschichten: Wenn die Helden durch etwas besiegt wurden, verwandelten sie sich in ein Bild am Himmel, in eine Konstellation.
„Aber was ist das eigentlich, eine Konstellation?“ frage ich mich während ich gähnen muss und mir meine Augen zufallen ...
2.
Was ist dies nun? Eine seltsame Sache geht vor sich. Ich öffne meine Augen und sehe wie die Wände meines Zimmers sich auseinander falten.
Ich trete in den sich auftuenden Raum, reibe mir den Schlaf aus den Augen. Kalte Luft in meinem Nacken lässt mich erschauern. Nun kommt auch noch Wind auf und zerzaust mein Haar.
Ich atme tief durch. „Schaut doch nur!“ rufe ich laut: „Der Sternenhimmel hat sich auf einmal verwandelt in einen Jahrmarkt.“
Für eine bestimmte Zeit warte ich, um zu sehen, ob dies mehr ist als nur meine Hoffnung oder einer meiner Träume.
"Auf Wiedersehen", sage ich, während ich in den rosa Himmel schaue und einen Ballon steigen lasse, den ich in meiner Hand halte.
"Dies hier ist der reine Karneval!" sage ich, während ich in einen gewölbten Spiegel blicke und meinen Hut freundlich hebe, der sich plötzlich auf meinem Kopf befindet.
"Richtig Hunger habe ich auf einmal bekommen," stelle ich lautstark fest,
nach einer langen Fahrt auf einem Karussell, von der mir ganz schwindelig geworden ist. Nichts zu Essen hier zu finden auf diesem seltsamen Jahrmarkt.
In der linken Hosentasche, hatte ich da nicht noch... Ach, welch ein Glück, ich fühle etwas zwischen meinen Fingern. Ein Bohnenstück!
Das sieht lecker aus, doch bevor ich es in meinen Mund stecke, höre ich etwas von der anderen Seite der Tür her. Ruft mich dort jemand? Ich drehe mich eilig um, aber ich sehe niemanden.
Oh nein, die Bohne ist mir aus der Hand gefallen. Wohin will sie so eilig denn rollen?
Ausgerechnet in den Riss eines Türrahmens rollt sie.
„Du Tür, gib mir meine Bohne wieder. Sie ist da in deinen Spalt gerollt.“
Doch die Tür quietscht nur ein wenig im Wind.
„So ein Unglück, wie konnte das nur passieren!“ schluchze ich.
3.
Hmm.. Was soll ich nur jetzt tun?
Ich bemerke eine Gruppe von Bauleuten, die ihre Gerüste rund um das Karussell aufbauen.
„He, ihr da, kann dieser Türrahmen hier nicht eingerissen werden? Er hält nämlich mein Bohnenstück gefangen.“
Der alte Baumeister schüttelt den Kopf und ruft zurück: „Wegen eines Bohnenstücks reißen wir doch nicht eine ganze Tür einfach ein. Hier mal ein gut gemeinter Ratschlag: Achte auf das, was im jeweiligen Moment geschieht, und beweg dich besser mal...“
Kaum klatscht der Baumeister in die Hände, bauen seine Leute auch schon die Gerüste ab.
4. Und nun... Ist es denn möglich? Ein wundervoll verzierter Pavillon steht auf einmal dort, wo sich eben noch das Karussell befand.
Im dem Pavillon sehe ich einen König, der gerade sein Fernrohr poliert. Ich sage zu ihm:
„Schau, Großer König, ich hätte da einen Vorschlag. Die wertvollste aller Bohnen ist mir abhanden gekommen. Befehle doch, dass die Tür eingerissen wird, in dessen Spalt sie sich befindet.“
„Ach, Kind, weißt du etwas von den Sorgen eines Königs?
Wann und welchen Befehl ein König gibt, kann auch er nicht allein bestimmen.
Ich verrate dir ein Geheimnis zwischen Männern, mein Junge:
Nur dem wird doch befohlen, der sich nicht selbst gehorchen kann. Und wer gehorcht, der hört sich selbst nicht!“
Dann ruft er mich mit seinen Fingern zu sich herüber und flüstert mir ins Ohr:
„Hören wir doch auf die Worte der Königin, dies wäre bestimmt in diesem Fall das Angemessene.“
Die Königin trägt unzählige Perlen und einen himmelblauen Seidenrock.
Schließlich wage ich es sie anzusprechen:
„Gnädige Dame, die Geschichte ist doch die: Ich habe eine schöne Bohne verloren.
Hilf mir. Hilf mir doch bitte, sie wieder zu finden.“
Die Königin wendet ihre Ellenbogen nach oben, scheint sich aufrichten zu wollen. Nun macht sie ihren Fächer auf, deckt ihr Gesicht mit diesem zu und sinkt langsam wieder zurück in ihre weichen Polster.
Über den Fächer hinweg, blicken mich große zärtliche Augen an, aber es kommt keine Antwort.
5. Ich bin bestimmt schon tausend Schritte entlang der Schatten der Palastmauer gelaufen, als ich schließlich zu einer Leiter komme, die dort vielleicht die Bauleute vergessen haben. Wo der Schatten der Leiter endet, höre ich ein sachtes Scharren. Eine kleine Maus mit zitternden Schnurrbart-Haaren hockt da.
„Was machst du dort?“ frag ich sie.
„Schau doch nur mal genauer hin," sagt die Maus, "Ich knabbere ein Loch in diese Mauer.“
„Willst du von hier fliehen? Es droht doch gar keine Gefahr. Alle Schrecken sind doch hier nur aufgemalte Bilder an den Wänden. Lass uns doch die Leiter da hinauf ans Licht klettern.
Mir ist eine Bohne heruntergefallen und in einen dunklen Türspalt gerollt. Findest du es nicht auch besser, wenn sie herausgeholt wird?“
„Was willst Du von mir?" fragt die Maus misstrauisch. "Gibt es keine Katzen, die dir helfen können? Pflege doch selbst dein Gewächshaus.“
Wo finde ich nur die Katze, frag ich mich..
Ich sehe eine Höhle vor mir und gehe hin zu ihrem dunklen Eingang. Bestimmt steckt die Katze hier im Inneren. Und tatsächlich, während ich in die Höhle blicke funkeln mir zwei Augen entgegen.
„Mir gehörte ein Bohnenstück. Und dann habe ich es verloren.“
Die Katze leckt sich das Fell, dann miaut sie:
„Der Besitzer eines Bohnenstücks? Das sind keine Worte die ich verwenden würde. Wo einsame Hunde herumstreunen, dort findest du vielleicht was du suchst.“
6.
Ich ziehe langsam weiter und während es dunkel wird, sind um mich herum überall ausgetrocknete Felder. Wohin soll ich nun gehen? Wo eine Rast machen?
Weit und breit ist niemand zu sehen. Einige Wolken verdecken,
während sie ihre Formen und Farben verändern, den Sonnenuntergang.
Weit in der Ferne, nah am Horizont, sehe ich den Umriss eines Hundes. Ich eile zu ihm hin.
„Du, Hund, ich hab da einen Plan: Lauf los und wecke die Katze, damit diese die Maus jagt, und die Maus der Königin am Rock zieht, damit diese so erschreckt, dass sie zum König rennt, so dass er dem Baumeister befielt, das Tor einzureissen, damit ich endlich dieses Bohnenstück wieder bekomme.“
Der Hund knurrt aber nur zurück: „ So träume ich gerade von meiner Mutter so schön und will nichts von der elenden Suche nach dem Fressen hören. Sieh mich genau an, wie ich hier vor dir lieg, du Übermut, und um Gnade fleh. Gern möchte ich mit dir lieblichere Pfade gehen!“
Ich entscheide mich nach einem Stock Ausschau zu halten. Keiner zu sehen weit und breit. Nun gut, es wird auch ohne einen Stock gehen. Ich gehe weitere hundert Schritte bis ich auf einem abgeernteten Feld schließlich einen Stock finde, der schon seit langen von einem Baum abgerissen da herumliegt und vor sich hin fault. Mit beiden Händen ihn ergreifend und meine Finger am Handgelenk zusammenlegend, sage ich:
„Stock, willst du an meiner Seite kämpfen?
Schlag den Hund so kräftig, dass dieser doch die Katze weckt.“
„Nein“, sagt der Stock. „Ich möchte niemanden schlagen. Ich habe Mitleid mit diesem armen Hund.“
So, weiter kann ich wohl nicht gehen. Meine Beine tun weh von dieser langen Reise. Ich setze mich im Schneidersitz unter einen Baum oben auf einem Hügel. Nach einer Weile stehe ich wieder auf, gehe herunter zu dem Stock nehme ihn Stock hoch, um mich auf ihn zu stützen. Doch er bricht unter meinem Gewicht in zwei Teile.
7.
Ich laufe weiter bis ich zu einem dunklen Meer komme, an dessen Ufer ein Feuer im Wind lodert.Der Himmel ist wolkig und es droht zu regnen.
„Ich brauche deine Hilfe, Feuer, dann hätten wir das erledigt“ rufe ich.
„Von den Hunden wohl lernte es dieses Heulen und Kläffen. Dieses Kind spricht einfach zu viel“, knistert es aus den Flammen.
Ich rufe dem Ozean entgegen: „Ich brauche deine Hilfe, Wasser. Für eine Stunde nur, nein 40 Minuten?“
Während die Brandung an Land schlägt, rauscht es aus den Wellen: „Oh, warum hast du mich nicht früher gefragt, nicht erst an diesem öden Strand des Lebens?“
„Ich brauche die Hilfe von euch allen“ wiederhole ich ganz leise und gehe weiter.
Ein Elefant, riesig wie ein Berg, liegt auf einmal vor mir auf dem dunklen Weg. Meine Knie zittern. Ich gehe in die Hocke und nähere mich ganz langsam diesem ungeheuren Tier, welches dort auf seinem Bauch schläft.
„Lieber Elefant, kannst du nicht das Meerwasser austrinken?
Dann...“
Aber dieser Elefant bewegt sich nicht einmal. Es ist, als wäre er aus Stein.
Ich bin völlig erschöpft und falle zu Füßen eines Baumes. Ich brauche nur noch meine Augen zu schließen und schon sinken ich in immer tieferen Schlaf.
8.
Ich wache auf, fühle die feuchte Morgenluft überall auf meiner Haut.
Tautropfen glitzern auf den Blättern. Ich liege mit dem Kopf an einem Stein.
Für einen Moment bin ich so still wie alles um mich herum. Eine ganze Weile warte ich einfach ab, was nun als nächstes geschieht.
Spüre ich da Angst in mir? Wie kann das sein. Ich konzentriere mich auf die Schönheit des Waldes, des Taues, der Schönheit die mich überall umgibt.
Einige Zentimeter von meiner Nasenspitze entfernt sehe ich, wie eine Ameise an einem Wassertropfen sich zu schaffen macht.
"Hallo," sage ich zu der Ameise.
„Hallo, wie geht es dir Ay," antwortete die Ameise.
„Was bedeutet denn das. Woher weißt du denn meinen Namen?“ frage ich sie erstaunt.
„Wir haben uns schon mal getroffen,“ erklärt sie mir.
Das scheint zwar ganz unmöglich zu sein, aber da ist Weisheit in den Augen der Ameise und ich denke mir, „Nun, warum nicht?“
"OK.“sage ich, „...und wie heißt du?“
„Ich habe keinen Namen. Wir Ameisen brauchen so etwas nicht."
„Ach ja?" sage ich flüsternd, um die Ameise nicht zu erschrecken.
"Ich habe Hunger, seit gestern habe ich gar nichts mehr gegessen,“ sagt die Ameise.
Instinktiv greife ich mit meiner Hand in eine geheime Tasche an der rechten Seite meiner Jacke und dort finde ich einen Zuckerwürfel.
„Schau mal, ein Zuckerwürfel. Den teilen wir uns.“
Ich lege ihr die Hälfte vom Zucker hin.
Für mich ein winziges Stück, aber wie groß ein einziges Zuckerkorn für so eine Ameise ist!
„Vielleicht kann ich auch etwas für dich tun, Ay...“, flüstert sie mir zu, winkt mir entgegen und macht sich auf ihren Weg.
"Ist das gefährlich? Sei vorsichtig," bitte ich die Ameise.
"Nein, gar nicht gefährlich, wegen meiner Stärke, die ich, dank Gott, besitze" antwortet sie.
"Aus deiner Sicht müssen die losen Fruchtstände der Pusteblume dort wie eine Häufung von Sternen wirken. Warte mal, Norma. Kann ich Dich so nennen?"
"Bestimmt," ruft sie zurück, ist aber schon auf ihrem Weg.
9.
Die Ameise krabbelt das Elefantenbein hinauf, bis hinein in sein großes Ohr.
Noch ein Stück weiter...
Noch ein Stück bloß...
Und jetzt...
Im Ohr des Elefanten kitzelt es.
Er wacht auf und trinkt mit seinem langen Rüssel das Wasser...
10.
Das Herannahen des Wasser macht das Feuer ganz nervös...
Das Feuer fängt an den Stock zu verbrennen...
Der brennende Stock fällt auf den Hund herab.
Der Hund springt auf und jagt nach der Katze.
Die Katze rennt davon, aber sieht die Maus.
Die Maus versteckt sich vor der Katze unter dem Gewand der Königin.
Die Königin eilt entsetzt zum König.
Der König spricht:
„Jetzt wird der Türrahmen eingerissen.“
11. Der Baumeister gibt dem Türrahmen, unter den das Bohnenstück gerollt war, einen Ruck...
Die Türen, die Wände, der Boden...alles zerbricht in unzählige kleine Stücke...
12.
Jetzt ist nur noch mein Zimmer übrig. Ich stehe neben meinem leeren Bett. Die Augen staunend aufgerissen. Noch nie war ich so müde... Was in aller Welt ist nur gerade geschehen. Habe ich in meinem Kopf mit einer Bohne gesprochen? Warum fühle ich dann aber so eine große Dankbarkeit? ...ich werde wohl einfach die Augen etwas schließen, so müde wie ich bin. Doch wenn du nun die Augen schließt, ist dies das Ende. Aber natürlich, das weißt du ja...